20.06.2010, 12:30 Uhr | sid
Die gesamte Situation um das französische Team droht zu eskalieren. Die Nationalmannschaft verweigerte am Sonntag in Knysna die Teilnahme am öffentlichen Training der Franzosen. Daraufhin erklärte der Verbandsoffizielle Jean-Louis Valentin seinen Rücktritt. Zuvor hatteFranck Ribéry in der Affäre um den suspendierten Nicolas Anelka öffentlich zur Jagd auf den unbekannten Team-Maulwurf geblasen. "Ein Verräter hat einige Sachen ausgeplaudert. Wir werden erst erleichtert sein, wenn wir wissen, wer es war", sagte der Star vom deutschen Meister FC Bayern München sichtlich bewegt im französischen Fernsehen. Anelka war zuvor aus dem WM- Team von Vizeweltmeister Frankreich ausgeschlossen worden, nachdem die Sport-Zeitung "L'Équipe" wüste Beleidigungen des Stürmers gegen Trainer Raymond Domenech enthüllt hatte. Ribéry sagte, er habe "Tränen in den Augen gehabt", als Anelka das Quartier in Knysna verlassen habe.
In seinem ersten Interview seit WM-Beginn, das auf eigene Initiative zustande kam, klagte Ribéry: "Gerade jetzt, wo wir noch ein wichtiges Spiel gegen Südafrika haben, hauen alle auf uns ein". Alle Spieler der Équipe Tricolore hätten gewollt, dass Anelka im Quartier bleibt. "Er ist sehr betroffen, weil er die Nationalelf liebt", versicherte Ribéry. Die von Medien zitierten Schimpfworte Anelkas seien so nicht gefallen. In allen Vereinen gebe es solche Probleme. Domenech sei zwar der Trainer, der Boss. "Mir ist es aber auch passiert, dass mich der Trainer genervt hat. Aber die Sachen, die in der Kabine passieren, müssen auch in der Kabine bleiben".
Trainer und Mannschaft sind offenkundig ebenso zerstritten wie die Spieler untereinander. "Das Problem ist nicht Anelka, sondern der Verräter, der unter uns ist", echauffierte sich auch Mannschaftskapitän Patrice Evra - das Geständnis von Anelka stützt diese These: "Ich hatte eine hitzige Unterredung mit dem Trainer in der Kabine, vor allen Mannschaftskameraden", sagte der böse Bube. Ein diffuses Bild gab wieder mal der französische Verband ab. "Die Kommentare von Nicolas Anelka sind inakzeptabel für die FFF und die Werte, für die wir stehen", begründeten die Funktionäre Anelkas Rauswurf, nachdem der Angreifer eine Entschuldigung abgelehnt hatte - die veröffentlichten Obszönitäten habe er so nie gesagt, betonte er. Am Ende klang es beinahe so, als entschuldige sich FFF-Präsident Jean-Pierre Escalettes bei Anelka: "Nach seinem Rauswurf hat er sich absolut würdevoll und nobel verhalten."
Ausgelöst hatte den jüngsten Skandal die Sporttageszeitung "L'Equipe". Auf ihrer Titelseite hatte ein ungehöriger Satz gestanden: "Va te faire enculer, sale fils de pute." Moderatoren französischer Radiosender brachen sich beinahe die Zunge ab, um die Formulierung zu umgehen, der englische Dienst der Nachrichtenagentur "AFP" veröffentlichte vor seiner Meldung einen Warnhinweis: Vorsicht, obszöne Wörter! "Fick dich in den Arsch, du dreckiger Hurensohn", lautet der Satz auf Deutsch. Die Worte waren so oder ähnlich in der Halbzeit des Vorrunden-Spiels der Franzosen gegen Mexiko (0:2) gefallen.
Frankreichs Auftreten in Südafrika ist den Doppelpass-Experten ein Dorn im Auge. zum Video
"Das kommt von jemandem, der ein Teil der Gruppe ist und dem französischen Team etwas Schlechtes will", erklärte Evra und betonte: "Wir können uns nichts vormachen, der Journalist hat die Geschichte nicht einfach so erfunden." Evra sagte auch, man müsse ja nicht immer einer Meinung mit dem Trainer sein, "aber ob du ihn magst oder nicht, er bleibt immer dein Chef".
"Die Entscheidung, ihn zu entlassen, ist die richtige", sagte Domenech. Dabei hätte der Trainer beinahe noch darüber hinweggesehen, was in der Kabine passiert war. Gut, Anelkas Reaktion sei "nicht die beste gewesen, aber ich hätte das intern geregelt", sagte er. Durch den Verrat und die Veröffentlichung hätten sich die Dinge aber geändert, betonte Domenech. Er hatte daraufhin eine öffentliche Entschuldigung verlangt.
Nach dem Sieg gegen Frankreich machten die Fans der El Tri die Nacht zum Tage. zum Video
Der Fall Anelka ist aber offensichtlich nur die Spitze des Eisbergs. Dass sich in der Equipe Tricolore mittlerweile mehrere Gruppen gebildet haben, die sich untereinander nicht leiden können, gilt als offenes Geheimnis. Nach dem Spiel gegen Mexiko sprach der eher stille Yoann Gorcuff mit Journalisten - und duckte sich scheu weg, als hinter ihm Anelka und Franck Ribéry vorbeiliefen. Da habe der Klassenbeste "dem Rüpel der Schule" Platz gemacht, "um keinen Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen", schrieb "L'Equipe". Ribéry dementierte dies jedoch.
Für derartige Vorfälle, betonte Evra, sei aber nicht eine Person alleine verantwortlich - es seien alle: "Der Trainerstab, der Verband, die Spieler. Wir sitzen alle im selben Boot. Wenn wir sinken, sinken wir gemeinsam." Am Kap der guten Hoffnung geht die Equipe Tricolore derzeit unter wie einst die Titanic.
Quelle: dpa , sid
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