25.06.2010, 20:22 Uhr | dpa, sid
Ein nachdenklicher Patrice Evra im Mannschaftsbus der französischen Nationalmannschaft. (Foto: Reuters)
Der französische Nationalspieler Patrice Evra von Manchester United hat den Trainingsboykott während der WM in Südafrika als "ungeschickt" bezeichnet. Nach dem Skandal des Vize-Weltmeisters hatte Trainer Raymond Domenech im entscheidenden Spiel gegen Südafrika (1:2) auf den Abwehrspieler verzichtet. "Das war nicht meine Entscheidung", sagte der 29-Jährige: "Ich war fit. Aber ich musste als Kapitän für den Boykott bezahlen."
"Wir haben uns dafür entschuldigt. Aber um eines klarzustellen: Das war eine Entscheidung der Gruppe. Als es darum ging, den Bus zu verlassen, sind alle Spieler bis zum Schluss sitzen geblieben. Keiner wollte den Bus verlassen", sagte der im dritten WM-Spiel als Kapitän abgesetzte Star einen Tag nach der Rückkehr aus Südafrika dem Fernsehsender "TF1". Mit nur einem Punkt schied die Equipe Tricolore sang- und klanglos als Tabellenletzter aus. Zuvor hatten die Franzosen das Training verweigert, um gegen die Suspendierung von Nicolas Anelka zu protestieren.
Evra stellte sich als erster französischer Nationalspieler nach dem Ausscheiden bei der WM den Journalisten. Er vermied offene Kritik an Trainer Raymond Domenech, dem allgemein die Hauptschuld am Scheitern der Bleus zugeschrieben wird. "Niemand ist so helle, um sagen zu können, was passiert ist, denn die Wunden sind noch offen", sagte er. "Es tut uns wirklich leid und wir sind niedergeschlagen, doch man muss den Kopf heben und nach vorne blicken. Die Gruppe war bis zum Schluss vereint. Wir bedauern die soziale Wirkung unserer Handlung. Das hat uns sehr geschmerzt."
Nach seinem schmachvollen Auftritt bei der WM in Südafrika ist das französische Team nach Hause zurückgekehrt. zum Video
Domenech hatte Evra einen Auftritt vor der Presse verboten. "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht sagen durfte, was ich wollte", kritisierte der Abwehrmann. "Das hat sehr wehgetan." Er wolle seine Auswahl-Karriere auf jeden Fall fortsetzen. "Ich bin immer noch stolz, wirklich stolz, dieses Trikot zu tragen", sagte der Vereinsspieler der Red Devils und kündigte an, dass Domenechs Nachfolger Laurent Blanc eine verschworene Gemeinschaft vorfinden werde. "Ich glaube, dass die Nationalmannschaft niemandem gehört. Sie gehört dem Volk."
Henry wies derweil Berichte über Raufereien und Beschimpfungen in der Nationalelf zurück. "Ich persönlich habe keine Rangelei gesehen", sagte Henry dem TV-Sender "Canal+". "Ich habe nicht gesehen, dass irgendjemand irgendwen unter Druck gesetzt hat." Auch Yoann Gourcuff sei nicht isoliert gewesen, es habe demnach keine Clans gegeben.
Die Equipe Tricolore hinterlässt nach der Pleite gegen Südafrika resignierte Anhänger. zum Video
Nach dem WM-Vorrunden-Aus sagte der Stürmer vom FC Barcelona in seinem ersten Interview: "Ich fühlte mich abgelehnt. Niemand sprach mit mir wie früher". Der 123-malige Internationale und Rekordschütze (51 Tore) der Franzosen traf sich mit Staatschef Nicolas Sarkozy, um über die skandalösen Umstände des Ausscheidens des Vize-Weltmeisters zu sprechen. Zu seinem Gespräch wollte sich Henry aber nicht näher äußern. "Das ist gut gelaufen", sagte er nur.
Henry bestritt ebenfalls, dass Nicolas Anelka die von der Sportzeitung "L'Équipe" zitierten Schimpfworte gebraucht habe, wegen derer er vorzeitig nach Hause geschickt worden war. "Das sind nicht Nicos Worte", sagte er. Es sei ihm unverständlich, wie Journalisten draußen das hören könnten. "Ich habe es in der Kabine nicht einmal geschafft zu verstehen, was er gesagt hatte. Er hat gebrummelt." Anelkas Bestrafung fand Henry außerdem zu hart. Man hätte ihn von der WM ausschließen können, "aber er bleibt bei uns".
Für Südafrika wird bei dieser WM keine Vuvuzela mehr erklingen. Die Fans bleiben gelassen. zum Video
Das moralische und sportliche Debakel der Equipe tricolore bei der Fußball-WM hat ein Nachspiel. Das Sportministerium wird eine Untersuchung einleiten und alle Spieler zu einer Anhörung vorladen. "Ich habe keine Angst. Ich war bis zum Ende ehrlich. Es wird Konsequenzen und Wechsel geben, das ist klar." Mit der zuvor angekündigten Wahrheit rückte der Franzose allerdings nicht wirklich heraus. "Das ist nicht der Moment, um auf wen auch immer zu schießen. Das Ministerium wird eine Untersuchung einleiten, jeder Spieler wird erzählen, was er erlebt hat."
Quelle: sid , dpa
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